MITWIRKUNG | Die erste gewerkschaftliche Ausbildung für Menschen mit Behinderungen

Wirkungsvolle Vertretung von Arbeitnehmenden braucht Fachleute mit Softskills. Mit der ersten gewerkschaftlichen Ausbildung für Arbeitnehmervertreter:innen mit Behinderungen soll genau das erreicht werden. In einem inklusiven Prozess entwickeln INSOS, Travail.Suisse Formation (TSF) und Syna das neue Bildungsangebot. Der erste Schritt ist gemacht – mit klaren Forderungen und einem starken Netzwerk.
Warum es eine gewerkschaftliche Ausbildung für Menschen mit Behinderungen braucht
In Integrationsbetrieben gibt es seit vielen Jahren Arbeitnehmervertretungen, die von Mitarbeitenden mit Behinderungen geleitet werden. Sie übernehmen Verantwortung, vertreten die Interessen ihrer Kolleg:innen gegenüber der Geschäftsleitung und setzen sich für eine Umsetzung der Wünsche und Bedürfnisse der Arbeitnehmenden ein. Doch damit Arbeitnehmervertreter:innen ihren Rollen professionell entsprechen können, müssen sie lernen sich zu repräsentieren, zu verhandeln und Gewerkschaftssitzungen zu organisieren.

Darum entwickeln Travail.Suisse Formation (TSF) und die Gewerkschaft Syna in Kooperation mit INSOS die erste gewerkschaftliche Ausbildung für Arbeitnehmende mit Behinderungen.
Denn mit kompetenten Arbeitnehmervertreter:innen ist der Grundstein für eine inklusive Arbeitswelt mit echter Mitwirkung und Teilhabe gelegt.
Am Anfang war das nationale Netzwerk «Betriebliche Mitwirkung»
Das Projekt basiert auf dem nationalen Netzwerk «Betriebliche Mitwirkung». Dabei handelt es sich um ein Ideenlabor, das sich aus Arbeitnehmenden mit Behinderungen, deren Vertreter:innen und Fachleuten zusammensetzt. Seit 2019 organisiert INSOS zweimal jährlich Treffen. Dort beobachten und diskutieren die Mitglieder Trends und Entwicklungen, bearbeiten spezifische Themen und setzen Förderprojekte für Teilhabe und gleichberechtigten Zugang von Menschen mit Behinderungen zur Arbeitswelt und beruflicher Aus- und Weiterbildung um – so wie die Idee zu einer gewerkschaftlichen Ausbildung.
Co-Design-Workshop: der erste Schritt zur Ausbildung
Der erste Schritt zu einer gewerkschaftlichen Ausbildung war ein Workshop mit denen, die wissen, worum es geht. So trafen sich am 10. Juni 2025 Mitarbeitende mit Behinderungen, ihre gewählten Vertreter:innen, Fachleute und Gewerkschaftsmitglieder, um in mehreren Gruppen diese drei Fragen zu diskutieren:
- Wie lässt sich eine gewerkschaftliche Ausbildung gemeinsam entwickeln?
- Welche Themen gehören hinein?
- Wie soll sie umgesetzt werden?
Unzählige hilfreiche Ideen mit Aha-Effekt trugen die Teilnehmenden aus ihrem Wissen und ihren Erfahrungen zusammengetragen. Das Gefühl, gemeinsam etwas zu bewegen, erfüllte die Räume und förderte den bereichernden Austausch. Hierbei war die inklusive und partizipative Herangehensweise die zentrale Methode, denn die Ausbildung soll aus der Praxis für die Praxis entstehen.
Praxisnaher Input von ASA-Handicap mental
Die Schweizer Vereinigung ASA-Handicap mental lieferte einen praxisnahen Input zur inklusiven Gestaltung einer Ausbildung zum politischen System der Schweiz. Als Praxispartner präsentierte er ein lehrreiches Fallbeispiel, dessen Kernaussage lautete: Die perfekte Ausbildung gibt es nicht! Sie muss immer wieder evaluiert und angepasst werden. Dazu müssen die Vertreter:innen aus INSOS-Betrieben einbezogen werden. Damit dieser Einbezug gelingt, sind methodische Skills sowie partizipative Settings erforderlich.
Das sind die ersten Erkenntnisse
Die Ergebnisse des Workshops füllten einige Flipchartblätter. Die Workshops zeigten, dass viele Mitarbeitende in Integrationsbetrieben wenig über Arbeitsgesetze wissen. Dabei können einfache alltagsnahe Schulungen Abhilfe schaffen, das Selbstvertrauen stärken und gemeinschaftliches Handeln fördern.
Für die gewerkschaftliche Ausbildung formulierten die Teilnehmende folgende Anforderungen:
- Die Ausbildung muss modular aufgebaut, flexibel anpassbar und leicht verständlich sein.
- Inhalte wie Arbeitsrecht, Mitwirkungsgesetz und UN-BRK gehören ebenso dazu wie Soft Skills wie etwa Verhandlungstechniken, Zuhören und Analysieren.
- Besonders wichtig: eine Begleitung auf Augenhöhe durch geschulte Assistent:innen und Inklusionsbegleitende.
So geht es weiter
Die Erkenntnisse aus den Workshops bilden die Grundlage für den weiteren Aufbau des Bildungsangebots. In einem nächsten Schritt wird das Konzept gemeinsam mit den Betroffenen weiterentwickelt und getestet. Die Umsetzung erfolgt im Rahmen des «Innobooster»-Programms, das inklusive Innovationen fördert. INSOS, Travail.Suisse Formation und Syna arbeiten dabei Hand in Hand – mit dem Ziel, ab 2026 ein tragfähiges und nachhaltiges Weiterbildungsangebot bereitzustellen.
Denn eines ist klar: Mitwirkung muss gelernt und geübt werden. Und nur wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen – Mitarbeitende, Betriebe, Bildungsanbieter und Gewerkschaften – kann echte Teilhabe gelingen.
Das Projekt ist ein Forschungs-Action-Projekt im Rahmen des INSOS-Programms «Betriebliche Mitwirkung», das seit 2019 durchgeführt wird. Es steht im Zusammenhang mit der Umsetzung der UN-BRK und der von INSOS getragenen Transformationsstrategie der Branche. Das Vorhaben wurde als eines der 24 Innobooster-Projekte mit den besten Bewertungen ausgewählt: «Partizipation – Zusammen mit Nutzerinnen und Nutzern neue Angebote im Sozial- und Gesundheitswesen schaffen».
Es wird von INSOS, Travail.Suisse Formation (TSF) und der Gewerkschaft Syna umgesetzt. TSF und Syna erhalten für das Projekt unter anderem Finanzhilfen des SBFI.
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